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Rocket Internet: Wie die Samwer Brüder ein Milliarden-Imperium aufbauten

Wer sind die drei Brüder, zu deren Unternehmen, Rocket Internet, mittlerweile über 70 Start-Ups gehören und die mindestens genauso kontrovers wie erfolgreich sind?

Samwer Brüder Pumpkincareers
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Familie und Ausbildung der Samwer Brüder

Marc Samwer ist der älteste der drei Brüder und wurde 1970 in Köln geboren, während Oliver 1972 und Alexander 1975 geboren wurden. Dabei wuchsen die drei Brüder gemeinsam in einem Kölner Villenviertel auf. Ihr Vater war ein auf Presse- und Wettbewerbsrecht spezialisierter Rechtanwalt und unter anderem durch die Vertretung des Literaturnobelpreisträgers Heinrich Böll und des Bundespräsidenten Karl Carstens bekannt. Auch die Mutter der drei Jungs war Rechtanwältin in Köln. Der gesellschaftliche Erfolg der Familie reicht noch bis zum Anfang der 20. Jahrhunderts zurück und sorgte vor allem dafür, dass die Brüder in einem wohlhabenden Umfeld groß wurden. Somit war es beispielsweise Oliver Samwer möglich nach dem Abitur (0,8) ein BWL-Studium an der privaten WHU – Otto Beisheim School of Management zu beginnen. Alexander Samwer studierte VWL und Politik in Oxford und BWL (MBA) an der Harvard Business School. Der älteste, Marc, studierte nach seinem Abitur Rechtswissenschaften an der Universität Köln.

Erste Gründungen

Alando: Das Online-Auktionshaus Alando gründen die drei Brüder gemeinsam mit ihren Co-Gründern Jörg Rheinboldt, Max Finger und Karel Dörner , nachdem sie verschiedene Firmen in den USA analysierten und diese zum Vorbild nahmen. Bereits nach 6 Monaten wurde Alando hingegen wieder verkauft und zwar an eines der Unternehmen, das als Vorbild Alandos galt: Ebay. Alando wurde für eine Summe von 50 Millionen D-Mark verkauft – dies war der offiziell erste Exit der Samwer Brüder. Und dennoch bereute zumindest Oliver Samwer bereute den Verkauf rückblickend, so sagt er, dass sie das Unternehmen zu früh verkauft haben und das massive Wachstum nicht richtig eingeschätzt haben.

Jamba!: Im Jahr 2000 gründeten die drei Brüder Marc, Oliver und Alexander Samwer unter dem Namen Jamba! zusammen mit dem Großhandelskonzern Metro und dem Mobilfunkanbieter debitel einen Klingeltonanbieter, der ursprünglich eine Plattform für mobile Inhalte werden sollte, doch sehr bald aber auf das lukrative Klingeltongeschäft umstellte. Doch schon bald geriet Jamba! in Verruf, da Ihnen vorgeworfen wurde, Abonnements zu verkaufen, die als einzelne Downloads ausgewiesen wurden und so insbesondere junge Kunden bei MTV und VIVA fälschlicherweise in monatliche Zahlungen zu verwickeln. Wirtschaftlich florierte dieses Business-Modell allerdings: Vier Jahre nach der Gründung übernahm der US-Kommunikationskonzern VeriSign das Unternehmen Jamba! für insgesamt 273 Millionen US-Dollar und stellte damit einen weiteren herausragenden Exit für die Samwer Brüder dar.

Im Oktober 2008 wurde Jamba! dann von Rupert Murdochs News Corporation übernommen und von JAMBA! zu Fox Mobile Distribution GmbH umbenannt. Es folgte der Niedergang des Klingeltonanbieters, da das Geschäftsmodell mit dem Aufkommen moderner Smartphones an Aktualität verlor. Nach einer Massenentlassung im Jahr 2010 wurde das Unternehmen 2011 an die Jesta Group mit wohl großem Wertverlust veräußert. Nach einer weiteren Umbenennung zu Jesta Digital wurden kürzlich erneut viele Mitarbeiter entlassen und wird wohl aufgrund des überholten Geschäftsmodells in verschiedene kleine Divisionen zerschlagen werden. Ein bitterer Unternehmensweg nach dem erfolgreichen Exit der Samwer Brüder.

Die Samwer Brüder und der European Founders Fund

Mit der Gründung der European Founders Fond (EFF) 2008 wechselten die Samwer Brüder die Seiten. Sie wurden vom Gründer zum Investor. Prominente Finanzierungen führten sie unter anderem bei Bigpoint, Lokalisten oder MyVideo durch. Mit Sicherheit haben die Samwer-Brüder vereinzelt auch einige private Investments eingebracht – dies ist übrigens in der Branche auch völlig üblich. Das Kopieren von Namen führten die Samwer-Brüder auch mit dem EFF fort, dieser ist namentlich nämlich vom in den USA ansässigen Founders Found inspiriert worden. Kapitalgeber der European Founders Fonds wurde vor allem United Internet – diesen gehört unter anderem Web.de, GMX und 1&1. In 2008 hat sich United Internet Fond-übergreifend mit insgesamt 100 Millionen Euro am EFF beteiligt. Obwohl United Internet an den Fondgesellschaften (EFF Nr.1, EFF Nr. 2, EFF Nr. 3) jeweils die deutliche Mehrheit hielt, war der Einfluss des Konzerns begrenzt – Lediglich im EFF Nr. 1 konnten die Fondgesellschaften einen maßgeblichen Einfluss ausüben.

Rocket Internet und deren Gründungen

Rocket Internet wurde von den drei Brüdern 2007 ins Leben gerufen und widmeten sich der aktiven Neugründung von Tech StartUps. Dabei setzt Rocket Internet insbesondere auf Internetseiten, die im internationalen Umfeld bereits ein Vorbild haben. Operationell stellt Rocket Internet seit der Gründung von Rocket Internet Gründerteams für StartUps zusammen, unterstützt diese anschließend beim Unternehmensaufbau, hilft bei Online-Marketing-Maßnahmen und bei der Bildung von IT-Strukturen. Mit diesem Vorgehen haben die Brüder nun Firmen wie FP Commerce , Billpa oder auch Netzoptiker hervor. 

Großer Kapitalgeber von Rocket Internet wurde Holtzbrinck Ventures, das viele Samwer-Gründungen seither als Co-Investor unterstützt. Weitere Geldgeber wurden bereits im Dezember 2009 die schwedische Beteiligungsgesellschaft Investment AB Kinnevik und die Crédit Agricole. Crédit Agricole verband seinen Einstieg mit einer Finanzierung des kurze Zeit später offline gegangenen DealStreet, während Kinnevik für 35 Millionen Euro eine Minderheitsbeteiligung an Rocket Internet einging.

Außerdem ist anzumerken, dass sich Rocket auch immer wieder mit dem sogenannten „dummem Geld“ ausgestattet hat. Dies bedeutet soviel wie: Das Kapital stammt von einem Investor, der sich in der Materie nicht auskennt und lediglich an der Diversifizierung seines Kapitals interessiert ist. So investierte beispielsweise Wursthändler Reinhold Zimmerman bei Enamora/7Trends und beim Nischenshop-System FP Commerce ohne aber detailliertes Branchen-Vorwissen aufzuweisen.

Zalando – Schrei vor Glück

Der Online-Shop Zalando wurde Ende 2008 gestartet und erwies sich bereits nach kurzer Zeit als vielversprechend und konnte in den Folgejahren ein immenses Wachstum hinlegen. Auch dieser Name ist wieder an einem anderen Unternehmen orientiert – dem amerikanischen Vorbild Zappos: Daraus folgend entstand der Name Zappos-Alando, oder kurz das bekannte Zalando. Nun hat das Unternehmen Zalando mehrere Finanzierungsrunden durchgeführt und ein ordentliches Wachstum aufzuweisen. So ist das ursprüngliche Schuh-Geschäft um das Kleidungsgeschäft erweitert worden und auch ein Japan Ableger der Marke hinzugewonnen. Zusätzlich wurde Zalando Lounge gegründet, ein sogenannter Shoppingclub, um alte Lagerbestände abzuverkaufen. 

Zalando wurde 2014 erfolgreich an die Börse gebracht und hat 2019 einen Umsatz von circa 6,5 Milliarden Euro erwirtschaftet.

Pleiten bei Rocket Internet

Nicht alle der von Rocket Internet gegründeten Unternehmen konnten die Early-Stage überleben – was hingegen in der Venture Capital Branche auch völlig normal ist.

DealStreet beispielsweise – Ein Auktionshaus ähnlich wie das bekannte eBay- wurde im Mai 2010 offline genommen nachdem Kunden der Plattform auf Dauer nicht treu blieben und so das Unternehmen nicht profitabel war. Die Seite Beautydeal, auf der Beautyprodukte verkauft wurden – wurde für Rocket Internet zum Verhängnis, das gemeinsam mit DuMont Venture in das Unternehmen investiert hat. Denn aufgrund der Insolvenz des größten Lieferanten von Beautydeal musste das Unternehmen selbst ebenfalls schließen musste. Das Samwer-Unternehmen MyBrands hatte trotz guter Performance das Nachsehen gegenüber dem anderen Samwer-Unternehmen Zalando: So wurden sich die beiden Geschäftsmodelle von Zalando und MyBrands zu ähnlich und kannibalisierten Gewinne, sodass sich Investoren von MyBrands gegen eine weitere Finanzierung entschlossen haben sollen und Mybrands in Zalando übergangen ließen.

Auch die Jobbörse eCareer musste im August 2010 zerschlagen werden. Der große Konkurrent Experteer war zu dominant und hat mit dem gleichen Geschäftsmodell – einer Jobbörse für hoch dotierte Positionen – den Markt für sich gewonnen. Weitere Rocket Internet Unternehmen wurden auch an Konkurrenten (teils zu günstig) verkauft, so auch GratisPay an SponsorPay zu oder auch wie 7Trends und Enamora einfach zusammengeführt.

Die wohl bekannteste Rocket Internet Pleite war Wimdu, das Startup, das AirBnb Konkurrenz machen sollte. Nach Gründung in 2011, einem großen Hype rund um das Unternehmen und großem Wachstum, wurde die Wimdu Website im September 2018 runtergefahren, da es trotz zunächst großem Kapitalvorsprung den Machtkampf gegen AirBnB verloren hatte.

Diese Pleiten sind hingegen – wie bereits beschrieben – völlig normal im Venture Capital Geschäft. Der Anspruch ist es nicht, dass jede Investition in ein Startup rentabel ist, sondern vielmehr, dass einzelne Portfolio Unternehmen durch die Decke gehen.

Global Founders Capital

2013 ruft Rocket Internet mit Global Founders Capital einen weiteren VC ins Leben, der Expterten zufolge ein Volumen von circa 1 Milliarde Euro aufweist. Global Founders Capital finanziert seit 2013 Startups auf der ganzen Welt, hat bei seinen Investments also keinen geographischen Fokus. Auch bei der Reife der Unternehmen hat Global Founders Capital keinen speziellen Fokus: Sie investieren in Unternehmen in allen Entwicklungsphasen, von Pre-Seed Capital bis zum ausgereiften Startup. Primäre Aufgabe des Funds ist es dabei grundsätzlich das Wachstum der Unternehmen zu finanzieren. Global Founders Capital ist dennoch operationell sehr unterstützend tätig, eine eher ungewöhnliche Eigenschaft für einen VC Fund. Dabei hilft GFC insbesondere beim Hiring, Roll-out und auch beim Marketing für die Unternehmen. Insgesamt hat Global Founders Capital bislang in mehr als 50 Unternehmen investiert, die dabei diverse Industrien repräsentieren. Erfolgreiche Exits waren bisher unter anderem Eventbrite, Slack, Trivago, Facebook und andere.

Rocket Internet heute

Rocket Internet selbst ist mittlerweile eine am MDAX notierte Aktiengesellschaft. Doch seit dem imposanten IPO von Rocket im Herbst 2014 und dem IPO von Zalando nur einen Tag davor, ist einige Zeit vergangen und damit auch die Fantasien, dass auch Rocket Internet einmal ein Tech- Weltkonzern werden wird. In den vergangenen Jahren ist es ruhig um den Kopf des Onlineriesen geworden.

Den besten Zeitpunkt für den Verkauf der letzten Aktien fand Rocket Internet nicht immer: Hellofresh und Home24 legten beide in den vergangenen Monaten an der Börse stark zu – allerdings war da der Internetkonzern bereits ausgestiegen. Die Folge zeigt sich in den Zahlen für das erste Quartal, die Rocket Internet Anfang der Woche in einer Ad-hoc-Mitteilung veröffentlichen musste: 162 Millionen Euro Quartalsverlust erwartet der Konzern. Hauptursache sind die gesunkenen Firmenwerte mit dem Börseneinbruch zu Beginn der Coronakrise. Die betrieblichen Verluste der Beteiligungsunternehmen tragen 48 Millionen Euro zu dem Verlust bei.

„Im Grunde interessiert sich der Markt jedoch kaum für die Zahlen“, wird ein Analyst im Handelsblatt zitiert. Denn das größere Problem liegt seiner Meinung nach anderswo: “Unter den jüngeren Gründungen ist keine, die ähnlich große Aussichten aufweist. Zwar ist Rocket Internet in vielen Feldern – vom Fin-Tech Spenmo über das Pro-Tech Nestpick bis zur B2B-Beschaffungsplattform Tinvio – dabei. Doch die aktuellen Stars der Szene finanzieren inzwischen andere.” 

Die Samwer Brüder investieren nun zunehmend in Immobilien, bevorzugt in Berlin. Sie besitzen über ein kompliziertes Firmengeflecht allein im Zentrum Berlins Immobilien im Wert von mindestens 150 Millionen Euro. Dazu kommen laut Recherchen vom Spiegel und Frontal 21 Grundstücke, Häuser und Gewerbeflächen in fast jedem Berliner Bezirk.

Dennoch haben sie sich aus dem Venture Capital noch nicht verabschiedet, Alexander Samwer ist mit Picus Capital ebenfalls vertreten und auch der besagte Global Founders Capital Fund besteht noch. Ihnen ist es nun lediglich gelungen ihre verdienten Milliarden in langfristige Investments, nämlich in Immobilien, zu investieren.

Steckbrief

In Köln wuchsen Marc, Oliver und Alexander - auch bekannt als die Samwer Brüder - in sehr guten Verhältnissen auf und studierten an Top-Universitäten. Gemeinsam mit Partnern gründeten sie zunächst Alando, Jamba!, die sie beide erfolgreich veräußerten.

2007 gründeten die Samwer-Brüder Rocket Internet. Mit dem Inkubator aus Berlin wurden aktiv Internet-Startups inklusive deren Teams gebildet und beim Unternehmensaufbau unterstützt. 2008 gründeten sie den European Founders Fund, der als Investor Unternehmen wir Bigpoint, Lokalisten oder MyVideo mitfinanzierte. Prominenteste Gründung der Samwer Brüder ist womöglich Zalando, der Onlinehandel für Mode, der 2014 an die Börse gebracht wurde.

Mittlerweile sind die Brüder mit dem Global Founders Capital Fund und eigenen Investitionen noch immer im Venture Capital vertreten, fokussieren sich zunehmend aber auch auf Immobilien-Investments, insbesondere in Berlin.

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